Sunday, September 22, 2013

Versuch einer Verteidigung der Homöopathie

Viele meiner Freunde und Bekannten sind leidenschaftliche Feinde der Homöopathie, und ich glaube, sie tun ihr unrecht. Ich versuche, mal kurz darzulegen, warum ich sie befürworte. Ich würde mich freuen, wenn mir jemand qualifiziert widerspricht.

Wer die Ordnung in einem in anderen Land zu ändern sucht, kann z.B. zu Flächenbombardements greifen, Blockaden verhängen, Aufständische aufrüsten, und hoffen, dass jeweils die Richtigen bekämpft und getroffen werden, und anschließend nicht alles in Trümmern liegt. Solche Gewaltaktionen sind mit Leid, Schäden riesigen Ausmaßes und großen Kosten für den Eingriff selbst verbunden, und der Ausgang ist oft ungewiß. Manchmal ist es sinnvoller, eine Handvoll Agenten ins Land zu schmuggeln, und einzelne Kollaborateure an strategischen Stellen zu finden und sie gezielt zu unterstützen.



In gewisser Weise ist der Einsatz vieler heutiger medizinischer Methoden mit einer militärischen Invasion vergleichbar: die regulären Mechanismen des Körpers werden mit (für den Körper) massiven Dosen von Wirkstoffen geflutet, Gleichgewichte von subtil und an vielen Stellen wirksamen Hormonen und Neurotransmittern werden radikal verändert, Gewebe wird entfernt, Populationen von Mikroorganismen werden ausgelöscht, ohne sonderlich nach Freund und Feind zu unterscheiden. In manchen Fällen funktioniert das sehr gut, oft stehen drastischen Nebenwirkungen aber nur geringer oder unsicherer Nutzen gegenüber. Hinzu kommt, dass der "militärisch-industrielle Komplex" der Schulmedizin, die Pharmaindustrie, hin und wieder durchaus ein handfestes Interesse hat, das Verhältnis von Schaden und Nutzen als günstiger darzustellen, als es ist, und die teuersten Maßnahmen als die besten anzuempfehlen. (Außerdem sind mehr als ein Drittel der deutschen Ärzte Soziopathen.)

Wie wäre es, stattdessen zu einer Medizin zu greifen, die statt der massiven Truppenaufmärsche zu subtilen Agenten und behutsamer Einregelung der körpereigenen Mechanismen greift? Die sehr sorgsam und mikroskopisch diagnostiziert, und dann statt einem Wirkstofftsunami nur sehr wenige, sehr paßgenaue Moleküle sendet, die an den körpereigenen Mechanismen punktgenaue Informationen und Impulse für die Entscheidungsschlacht gegen die Krankheit liefert? Anregung zur Selbstregulation statt Trümmerfeld. Könnte man so das Prinzip der Homöopathie auffassen, also der Verabreichung von bestimmten, extrem hoch verdünnten Wirkstoffen durch entsprechend geschulte Heilpraktiker?

Ich glaube nicht, dass Homöopathie tatsächlich nach diesem schönen Prinzip funktioniert. Wenn ich einen Wirkstoff so stark verdünne, dass nur noch wenige Moleküle in der Dosis enthalten sind, dann muss ich davon ausgehen, dass er zwischen all den anderen, unvermeidlichen Verunreinigungen, die im Trägermaterial (destilliertes Wasser, Alkohol, Zucker...) enthalten sind untergeht. Ab einer bestimmten Verdünnung enthalten alle homöopathischen Medikamente praktisch dieselben Substanzen.
Hinzu kommt, dass die Auswahl der Substanzen nicht auf einem nachgewiesenen physiologischen Wirkmechanismus beruht, sondern von den Erfindern der Homöopathie nach (wie ich finde) recht kruden Prinzipien einfach festgelegt wurde.

Nein, die Wirksamkeit der Homöopathie beruht nicht auf dem Einschleusen von einzelnen Spezial-Agenten oder Heilungsinformationen ins physiologische System, sondern auf der Macht der Diplomatie. Homöopathie ist ein Appell an die Regierung, ein Suggestionswerkzeug für das kranke Individuum, das seine Aufmerksamkeit unter Anleitung des Heilpraktikers auf das Problem richtet. Der Effekt, der allein durch die Überzeugung, ein wirksames Medikament einzunehmen, ausgelöst wird, geht weit über subjektive Einbildung hinaus: der Placebo-Effekt ist so real, dass wirksame schulmedizinische Medikamente gelegentlich Schwierigkeiten haben, sich im Ergebnis von ihm abzusetzen.

Ein Placebo-Medikament kann auch dann verabreicht werden, wenn das Verhältnis von Schaden und Nutzen der bekannten Wirkstoffe unausgewogen wäre. Derzeit verordnen Mediziner z.B. oft auch dann Wirkstoffe, wenn sie für eine Symptomatik eigentlich nichts bringen (z.B. Antibiotika bei einem viralen Infekt). In vielen Fällen (z.B. bei psychischen Erkrankungen) schlagen die zur Verfügung stehenden Wirkstoffe auch gar nicht bei jedem Patienten an. Das Ritual der Medikamenteneinnahme richtet aber die bewußte und unbewußte Aufmerksamkeit des Patienten auf die Krankheit und fördert damit wahrscheinlich die Selbstheilung.

Es wäre fahrlässig, den Placeboeffekt nicht zum Wohl des Patienten zu nutzen. Andererseits wäre es unethisch, wenn der Arzt den Patienten über den Wirkstoff eines Dummy-Medikaments belügt, und wenn der Patient weiß, dass er z.B. lediglich Zuckerkügelchen oder gefärbtes Chinin-Wasser erhält, dann funktioniert der Placebo-Effekt natürlich nicht.

Die ethische Verabreichung von Placebos erfordert paradoxerweise, dass sowohl Arzt als auch Patient an die Wirkung glauben. Das Placebo sollte außerdem physiologisch unschädlich sein, und in der Herstellung nicht viel kosten. (Natürlich darf es auch nicht zu billig abgegeben werden, weil dann für den Patienten die Wirksamkeit in Frage steht.) Genau diese Bedingungen erfüllt die Homöopathie perfekt.

Aus meiner Sicht steht es deshalb außer Frage, dass die Krankenkassen homöopathische Medikamente erstatten sollten (einige Krankenkassen sehen das auch so): sie sind normalerweise billiger, als kein Medikament oder ein reguläres, aber ungeeignetes Medikament zu verwenden, und können (durch die Aufmerksamkeitslenkung und Suggestion) zur Heilung beitragen. Andererseits muss Homöopathie komplementär sein, d.h. nicht als Alternative zur Schulmedizin angeboten werden, sondern als Ergänzung in den Fällen, wo ein reguläres Medikament oder ein chirurgischer Eingriff kein gutes Verhältnis von Schaden und Nutzen hätte.