Tuesday, June 5, 2012

Wem gehört der Dichter?

Der WDR schreibt grade, wie die Enkelin Karl Valentins die Blogger, die ihn zitieren, mit Abmahnungen überzieht. Auch vor diesem Hintergrund lohnt es sich, über den Schutzfristenunsinn nachzudenken.
Der ganz überwiegende Anteil aller Schriftwerke generiert nur im Zeitraum direkt nach der Veröffentlichung Einnahmen und ist danach ökonomisch für den Autor irrelevant.



Die wenigen Werke, die dauerhaft eine große Verbreitung erfahren (z.B. diejenigen Karl Valentins) tun das nicht, weil die Erben so große Anstrengungen unternehmen, sondern weil wir, die Gesellschaft, sie lesen und diskutieren. Karl Valentin ist der Schöpfer von Texten und Gedanken, aber der Schöpfer Karl Valentins sind seine Rezipienten: erst die Wahrnehmung durch die Allgemeinheit macht einen Autor kulturell wirksam.
Die Perspektive der Erbenanwälte ("Ich kann doch in eine Bücherei gehen,") ist nicht einfach weltfremd, sie spricht von maßloser, egoistischer Arroganz.

Die Alternative ist aber sicher nicht die komplette, ersatzlose Streichung der Schutzfristen mit dem Tod des Autors (schon deshalb, weil erfolgreiche Autoren dann möglicherweise gefährlich leben). Vorstellbar wäre jedoch, dass jedes veröffentlichte Werk nach einer Übergangszeit von z.B. 15-25 Jahren schrittweise in die Public Domain übergeht (zuerst nicht-kommerzielle Nutzung frei, dann kommerzielle). In diesem Zeitraum sind bei fast allen Schriftwerken die erzielbaren Einnahmen für den Autor eingefahren. Die Werke, die nach 25 Jahren noch immer große Relevanz besitzen, sind jedoch Bestandteil des gesellschaftlichen kulturellen Kanons, sie sind gedankliches Allgemeingut geworden, und kein egoistische Erbe sollte des Recht haben, Millionen von Menschen vorzuschreiben, worüber und wie sie sich austauschen.

Dass die Gesellschaft dafür sorgen sollte, dass begabte Autoren ein gutes Auskommen haben, ist die Kehrseite der Medaille, und muß ebenfalls sichergestellt werden. Abmahnungen gegenüber Bloggern sind sicher nicht der richtige Weg dahin.